Consultant Tagebuch 4: Eine Woche in der Hölle

Wer wissen will, wie das Leben eines Informatik-Consultants, also eines „Beraters“, aussieht, ist hier richtig.

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Consultant Tagebuch 1

Okay, ich habe die erste Woche als Consultant beim Kunden hinter mir, und ehrlich gesagt, war es eine der hartesten Wochen meines gesamten Lebens. Ich musste das gesamte Wochenende damit verbringen, mich wieder aufzupeppeln und zu erholen. Wenn ich nur daran denke, wandern meine Augen zum Himmel und mein Gesichtsausdruck gleicht einem Winseln… Warum tue ich mir das an?

Der Start ging wirklich zügig

Gut, eigentlich war der Start in die Woche ziemlich genial. Meine Arbeitskollegen und ich fanden uns beim Kunden ein und bekamen erst einmal eine kurze Einführung, wie man in ihrer Firma arbeitet. Zuerst bekam jeder eine neue Emailadresse. Und sobald ich mit diese Emailadresse eingeloggt bin, kann ich jede Office Applikation, welche ich für die tägliche Arbeit brauche (Word, Powerpoint etc.) aus einer Webseite heraus starten. Mein Benutzerkonto war dabei schon eingerichtet, ich konnte also wirklich einfach einmal einloggen, Passwort ändern und ZACK war ich im System und konnte quasi arbeiten.

Und was die Sache wirklich genial macht, ist die Zusammenarbeit zwischen den Leuten. In meiner alten Firma haben wir ja auch ständig irgendwelche Dokumente geschrieben – Dokumentationen von einem Programm zum Beispiel. Diese Dokumente waren aber ganz normale Word-Dateien, welche auf einem Netzlaufwerk in irgendeinem Ordner lagen. Das gemeinsame Schreiben war dabei immer ein wenig mühsam – Nur eine Person konnte ein Dokumente gleichzeitig geöffnet haben, und Word hatte so eine mühsame Änderungs-Verfolgungs-Funktion.

Bei meinem jetzigen Kunden arbeiten wir immer im Programm Microsoft Teams, das ich bisher nicht gekannt hatte. Es ist ein wenig wie Skype, ausser dass es auch eine Ablage für Dateien bietet.

Und wenn ich jetzt ein Dokument oder eine PowerPoint Präsentation aufmache, öffnet sich diese im entsprechenden Programm. Gleichzeitig können aber x-beliebig viele Mitarbeiter ebenfalls daran arbeiten, das sieht man dann jeweils in der rechten oberen Ecke. Man kann sogar quasi live mitverfolgen, was andere Personen gerade ändern.

Keine Ahnung, ob das für Sie jetzt ebenfalls so bahnbrechend ist, oder ob Sie sagen „Pah, alter Hut!“ – Ich finde das ziemlich cool!

Die Dateien im Teams Programm kann man auf Wunsch auch auf den lokalen Computer synchronisieren, was ich gleich mal ausprobiert habe.

Sonst kann ich mich gar nicht mehr erinnern, was wir den ganzen Tag gemacht haben, es scheint schon Ewigkeiten her zu sein! Ich weiss nur, dass meine drei Architekturkollegen… ach ja stimmt ja, ich habe dann Monsieur Baguette noch kennengelernt! Das ist ein neuer Kollege, der mich bei der Architekturarbeit unterstützt – oder eher umgekehrt, er ist nämlich der Senior haha 😉

Also auf jeden Fall hatten wir fast die ganze Woche durch jeweils zwei Abstimmungsmeetings wie schon in der Vorwoche: Eines um 12 Uhr und eines um 17:30 Uhr… ja, echt mühsam, meine Frau hat sich schon darauf eingestellt, dass ich zum Abendessen um 6 Uhr nicht zu Hause bin.

Der zweite Tag war echt zum Kotzen

Der zweite Tag begann echt widerlich. Ich war am ersten Tag schon ein wenig nervös, immerhin war ich den ganzen Tag im Büro, habe neue Kollegen kennengelernt und tausend neue Eindrücke erlebt. Man muss sich auch wirklich Mühe geben, dass man später zu Hause nicht immer noch an das ganze Zeugs denkt, aber es ist nicht leicht. Entsprechend schlecht schläft man dann…

Wie auch immer, komm ich also ins Büro, und das erste, was mir mein Projektleiter sagt, ist: „Guten Morgen Marcel. Einer der Technik-Jungs war vorhin da, anscheinend hast Du gestern ein paar Dateien von den andern Mitarbeitern gelöscht. Sie mussten sie wiederherstellen.“

BAM ins Gesicht, na super! Echt guter Start. Natürlich habe ich das nicht mit Absicht gemacht, das würde ich nie tun. Ich versuchte mich zu erklären, aber mein Projektleiter ist ein ziemlich cooler Typ, er hat dann nicht lang Theater gemacht. Ich glaube, ich weiss auch, wie mir das passiert ist: Ich habe doch einige Dateien auf meinen Computer synchronisiert – Und dann beim Durchschauen dieser Dateien hat eine Kombination aus Windows Explorer und Touchpad dazu geführt, dass sich irgendwas verschoben hat (ich verwende normalerweise immer eine Maus und ich weiss auch warum). Ich hatte es nur kurz gemerkt, sofort CTRL + Z gedrückt… aber ja, das musste da passiert sein.

Gut, wie auch immer.

Ich fing an, mit Monsieur Baguette über die Themen der Woche zu diskutieren. Dann kam ein Kollege und meinte, er könne uns einem der fünf „wichtigsten Kollegen beim Kunden“ vorstellen. „Na klar“, dachten wir, und gingen los, um diesen Herrn kennen zu lernen – nennen wir ihn Herrn Nashorn.

Herr Nashorn war unglaublich höflich – nämlich überhaupt nicht! Als wir uns vorgestellt hatten, meinte er: „Also gut, Jungs, hört mal zu. Ich möchte ehrlich zu Euch sein. Ich war nicht derjenige, der wollte, dass Ihr uns helft, und ich werde meinen persönlichen Einsatz, mit Euch zusammenzuarbeiten, so gering wie möglich halten.

Wow, super, dankeschön! So fühlte ich mich wirklich herzlich in der neuen Firma empfangen!

Dann war Herr Nashorn aber dennoch sehr zuvorkommend und hat mit uns ein Meeting am Nachmittag abgemacht, um uns einen Einstieg in die Firma und das Projekt zu geben. Das hat dann auch stattgefunden, und ich dachte mir „Super! Mein Oberarchitekt wird mit uns zufrieden sein, immerhin haben wir bereits ersten Kontakt zum Kunden hergestellt“.

Denkste!

Um 17:30 hatten wir den Abstimmungsanruf mit dem Oberarchitekten… hmm ich wollte ihm schon lange mal einen anderen Namen geben… ich nenne ihn Gandalf, weil er wirklich ein sehr weiser Mann ist und enorm viel über IT-Unternehmensarchitektur weiss. Also, wir hatten also den Anruf mit Gandalf und haben ihm voller Stolz vom Meeting mit Herr Nashorn erzählt. Gandalf war aber überhaupt nicht begeistert – hatten wir doch einen Tag zuvor abgemacht, dass wir die Kollegen das erste Mal in einem offiziellen Meeting gegen Ende Woche begrüssen und kennenlernen… „Aber… aber… wir haben bereits Kontakt aufgenommen… und sowieso… Herr Nashorn hat das Meeting von sich aus vorgeschlagen, wir wollten nicht so unhöflich sein, und es ablehnen…“ Aber alles flehen half nichts – Gandalf war wütend… 😦

Burnout am dritten Tag

Der dritte Tag fing dann auch gleich wieder stressig an. Ich weiss gar nicht mehr, was ich genau gemacht habe… ständig musste ich irgendwelchen Präsentationen für irgendwelche kommenden Meetings aufbereiten… und dazwischen habe ich noch mit einigen Leuten von unserer Firma gesprochen, die bereits seit längerer Zeit beim Kunden sind.

Ich hatte Meetings von Morgens um 8 bis um 13 Uhr – ununterbrochen. Das war einfach zuviel, man kann nicht immer nur machen machen machen… Ich habe Kopfschmerzen bekommen und brauchte eine Pause. Keine 10 Minuten Pause hatte ich diesen Morgen, und ich habe wohl auch viel zuwenig getrunken (was für mich sowieso schlimm ist, da ich drei Nieren habe und besonders viel trinken sollte). Ich ging in das nahegelegene Einkaufszentrum und habe mir ein Sandwich gekauft. Ich hatte aber überhaupt keine Lust, das Sandwich zu essen. Mir war ab und an richtiggehend schlecht, und ich sass einfach nur da und versuchte, mich zu entspannen. Das halbe Sandwich konnte ich dann langsam verdrücken, bevor ich rausgegangen und noch ein wenig an der frischen Luft rumgelaufen bin.

Jaja, ich hör schon die Stimmen meiner Kollegen: „Ha schau, der Marcel muss zum ersten Mal in seinem Leben schuften und gleich knickt er ein!“

Ja, das war wirklich nicht schön, und als ich anschliessend wieder im Büro war, konnte ich mich überhaupt nicht mehr auf meine Arbeit konzentrieren. Da ich erst wieder um 17:30 das Abstimmungsmeeting hatte, habe ich mich entschieden, nach Hause zu gehen (was man in meinem Beruf kann, was wirklich praktisch ist). Ich habe Monsieur Baguette noch kurz geschrieben, dass ich eine Pause bräuchte und nach Hause ginge – immerhin muss ich hier nicht den Helden spielen, es bringt ja eh nichts, wenn ich mich nicht auf die Arbeit fokussieren kann. Im Zug konnte ich dann ein wenig schlafen und als ich zu Hause angekommen bin, ging es mir schon wieder ein wenig besser.

„Easy, ruhst du dich noch ein wenig aus bis 17:30“ aber nein! Schon klingelte wieder mein Geschäftshandy. Monsieur Baguette meinte „Komm schon, wir müssen das und jenes noch fertigmachen, Gandalf will es bis um 17:30 sehen!“ Buarg also wieder Laptop rausgepackt und Arbeit Arbeit.

Pass auf Dich auf, wir brauchen Dich noch

Gegen Abend ging es mir dann schon wieder viel besser. Dieser Tag hat mir aber klar gemacht, dass ich besser auf mich aufpassen muss. Ich bin halt auch von meiner Persönlichkeit so, dass ich es jedem Recht machen will, und besonders zu Beginn eines Projektes gebe ich mir immer besonders Mühe. Das war auch schon im Studium so, ich stresse mich selber am Meisten und bin dann erstaunt, dass ich gestresst bin.

Ich habe mir vorgenommen, mehr auf mich zu achten. Mehr Trinken, mehr Pause, gut Atmen… Das sind alles Dinge, die im Eifer des Gefechts schnell mal zu kurz kommen. Schliesslich will ich den Job noch lange machen und nicht nach zwei Monaten in den Spital geliefert werden müssen.

Am Donnerstag ging dann alles noch gut, wir haben den Obermotz der Firma getroffen (der aber noch keinen eigenen Namen kriegt) und haben nun die „offizielle Erlaubnis, mit den anderen Nashörnern zu kommunizieren“. Der Obermotz war sogar ziemlich nett und sehr positiv uns gegenüber.

Und von Freitag muss ich gar nicht gross erzählen – Hach, Freitag Nachmittag konnte ich ENDLICH mal wieder NORMAL ARBEITEN, da ziemlich viele Leute am Freitag entweder von zu Hause arbeiten oder gar nicht. Und mit normal arbeiten meine ich: Hinsetzen, PC verwenden, Zeugs machen, keine Meetings, keine sonstige Ablenkung, einfach nur endlich mal das machen, von dem man immer gesagt hat „Oh, sobald ich Zeit habe, muss ich X und Y machen“. Das war schön, da geniesst man das wieder mal richtig!

Kurze Weile will gut Ding haben

Grundsätzlich muss ich aber sagen, dass mir die Arbeit sehr gut gefällt. Es ist für mich noch ein wenig schwierig, bei all diesen Fremdwörtern durchzublicken, und immerhin bin ich auch das erste Mal als IT-Unternehmensarchitekt unterwegs. Die Leute sind aber alle wirklich enorm nett (ja, sogar Herr Nashorn, ich glaube, wenn man ihn mal besser kennt, kann man es auch spassig mit ihm haben… wir werden sehen) und die Arbeit ist enorm kurzweilig – Und das war genau der Grund, warum ich bei meinem letzten Job als 100% Java Entwickler gekündigt habe. Ich weiss am Morgen nie, was mich den ganzen Tag erwartet, und man braucht einen wachen und flexiblen Geist für diesen Job – Plus eine gewisse innere Ruhe, die ich mir noch antrainieren muss.

Und so endet meine (erste?) Woche in der Hölle. Dafür darf ich sagen, dass sich das Wochenende wie der Himmel angefühlt hat, und ich die Zeit mit meinen zwei Töchtern enorm genossen habe. Heute Sonntag waren wir noch zusammen an der Kinderfasnacht und meine ältere Tochter hat sich als supersüsse Hexe verkleidet. Und auf das Überleben dieser Woche musste ich mir spontan drei Biere gönnen (ich trinke sonst praktisch keinen Alkohol) und nach den drei Bieren waren tatsächlich alle meine Sorgen der vergangenen Woche vergessen.

Doch Marcel erkannte nicht die düsteren Wolken, die sich bereits wieder am Himmel bildeten, um ihm am Montag mit voller Wucht ins Gesicht zu schlagen…

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Consultant Tagebuch 3 Der Verrat an König Arthur

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Consultant Tagebuch 1

Ich krieche auf allen vieren auf dem Boden, König Arthur steht drohend über mir.

Ich: „Aber mein König… das wollte ich nicht… ich habe nur…“

König Arthur: „Schweigt! Du hast mich hintergangen! Warst du einst mein treuester Gehilfe, musste ich nun mit ansehen, wie du hinter meinem Rücken mit dem Feind angebandelt hast! Und nun kommst du dahergekrochen wie ein dreckiger Wurm! Wegen dir können wir den Sieg im Kampf um das Vaterland vergessen! Verrotten sollst du im tiefsten Kerker! Wachen! Packt diesen reudigen Hund und werft ihn in das tiefste Loch, das wir haben! Hiermit verurteile ich ihn zu dreissig Jahren Haft in Ketten!

Ich: „NEEEEEIIIIIIINNNNNNN!!!!!!!!!!!!“

Licht am Ende des Tunnels

Letzten Donnerstag war ich wirklich wütend. Immer noch wütend wegen diesem doofen Interview, und dann konnte ich keinen Arbeitsplatz im Büro finden, also musste ich mich irgendwo hinquetschen, um wenigstens an meinem Laptop arbeiten zu können.

Wir haben wirklich nur begrenzt Platz in unserem Büro, weil wir ja eigentlich beim Kunden Projekte durchführen müssen. Und theoretisch kann man einen Platz im unserem Büro reservieren – Leider sind alle Plätze bereits auf Wochen von Leuten ausgebucht, die bereits wissen, dass sie im Büro sein müssen. So passierte es, dass König Arthur auf der Klimaanlage des Meeting-Raumes gearbeitet hat, so eine tischhohe kleine Seitenleiste im Raum, wo kalte Luft rauskommt. Und ich durfte es mir auf dem Sofa neben der Kaffeemaschine bequem machen, was nicht so schlimm war bezüglich dem Komfort, aber auf einem Sofa kann man halt zum Beispiel keine Maus richtig bedienen und kann die gewünschte Arbeit nur halb so schnell erledigen.

Und dann habe ich an dem Donnerstag noch eine Mail bekommen, dass mein Projekt Hasenstall, bei dem ich ausgeholfen habe, per heute meine Buchung gestoppt hat. Heisst, ich werde ab Morgen Freitag tatsächlich hundertprozentig ohne Projekt sein. Ach menno! 😡

So wusste ich mir nicht weiter zu helfen als Deryck Whibley anzuschreiben, den wir in Teil 2 des Consulting Tagebuchs schon kennengelernt haben.

„Hallo lieber Deryck. Per heute ist meine Buchung auf dem Projekt zu Ende. Was soll ich nur tun? Gruss, verzweifelter Consultant-Kollege“

Die Anwort von Deryck kam sofort: „Komm doch um 16 Uhr bei mir vorbei, dann gehen wir einen Kaffee trinken“ 😉

Der Zwinkersmiley machte mir ein bisschen Sorgen… und sowieso, was könnte Deryck schon ausrichten?

Ein Kaffe in Nöten

So ging ich mit Deryck Kaffee trinken. Deryck arbeitet schon sehr lange in der Firma. Er meinte, ich hätte mich beim Erstellen der technischen Architektur für Projekt Hasenstall gar nicht mal so doof angestellt. Und er fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, das weiterhin zu tun.

Ich sagte ihm, dass es mir wirklich Spass gemacht hat, und ich überhaupt nicht traurig bin, wenn mein nächstes Projekt kein Java Projekt sei, obwohl ich gerne Java entwickle. Immerhin wurde ich auch als technischer Architekt eingestellt und das Projekt Hasenstall ist momentan recht am anfang, also !!!>>> DIE <<<!!! Gelegenheit, unglaublich viel über Enterprise Architektur beziehungsweise Unternehmensarchitektur zu lernen.

„Na gut“ meinte Deryck. „Ich habe heute Abend ein Meeting mit dem Oberprojektleiter. Ich schau mal, was ich machen kann“.

Am nächsten Morgen kam dann prompt der Oberprojektleiter zu mir mit der Nachricht, dass sie mich gerne weiterhin in Projekt Hasenstall dabeihätten und ich mit dem Rest des Teams am Montag zum Kunden gehen könne!

Ich war natürlich völlig von den Socken!

Natürlich habe ich zugesagt und sehe mich jetzt in der vorteilhaften Situation, am Montag zum Kunden und somit in mein allererstes echtes (bezahltes) Projekt einzusteigen!

Das Leben ist schön!

Der Verrat

Ach was, hör schon auf! Es ist überhaupt kein Verrat! Ich kann über-haupt-nichts dafür!

Kurz nachdem der Oberprojektleiter nämlich mit mir gesprochen hatte, ging er noch mit König Arthur in ein Meetingraum. Und als dieser zurückkam, musste ich ihm die frohe Botschaft von meinem Projekt natürlich gleich übermitteln.

Und was war seine Botschaft? Er war eigentlich ebenfalls für das Projekt Hasenstall geplant, nun haben sie ihn aber rausgenommen! Verdammt!

Also habe ich ihm quasi den Platz geklaut? (Witziges Detail am Rande: König Arthur darf jetzt an das von mir verpatzte Java Interview gehen – Immerhin hat er jetzt eine Ahnung, was der Kunde von ihm wissen will…)

Neeeeee ich glaube, König Arthur nimmt das ganze recht locker, er arbeitet ebenfalls schon lange bei der Firma und das gehört einfach dazu, dass man unglaublich flexibel sein muss. Dass es jederzeit heissen kann „Oh wegen XY bist du nicht mehr auf dem Projekt, bye!“ Er meinte auch, dass man das überhaupt nicht persönlich nehmen muss, genausowenig, wie wenn man etwa ein Java Interview verpatzt. Man ist dadurch nicht weniger wert! Nein, wirklich nicht! (Ich probiere, mich selbst davon zu überzeugen…)

Ich habe König Arthur gesagt, dass es mir leid tut, beziehungsweise dass ich es super schade finde, dass wir nicht zusammen weiterhin diese hübschen Architekturdiagramme zeichnen können. Er war mir ein guter Berater in meinen ersten Tagen in der Firma, aber jetzt muss ich erwachsen werden und meinen eigenen Weg gehen… sniff 😥

Und so verlässt König Arthur mit wehenden Fahnen die Bühne. Eventuell wird er später wieder zu uns stossen, wenn es um die eigentliche Implementation des Projektes geht, aber das wird wohl noch einige Zeit dauern.

Die Firma ist auch flexibel

Und so kann ich mit den heutigen Tagebucheintrag mit einer kleinen Anekdote beenden: Grundsätzlich haben König Arthur und ich jeden Tag um 12 Uhr einen Status-Telefon-Call mit den Oberarchitekten, etwa Deryck. (12 Uhr, weil die Oberarchitekten zu allen anderen Zeiten bereits ausgebucht sind, ausser vielleicht noch Morgens oder Abends um 7) Am Freitag hatte dieser aber überhaupt keine Zeit und hat das Statusmeeting deswegen auf 16:30 Uhr verschoben.

König Arthur und ich haben deshalb nach dem Mittagessen beschlossen, (jeder zu sich) nach Hause zu gehen und dort weiterzuarbeiten. Auch das ist in meiner Firma völlig legitim und niemand wird Dich komisch ansehen, wenn du um 12:30 nach Hause gehst (natürlich solltest Du am Nachmittag kein wichtiges Meeting mehr haben, bei dem Du vor Ort sein musst).

Um 16:30 Uhr hatte Deryck zwar immer noch keine Zeit, ich habe aber einen neuen Mitstreiter kennengelernt, der mich ab nächster Woche unterstützen wird. Ich brauche noch einen passenden Namen für ihn. Wie es scheint, kommt er aus Frankreich, weshalb ich dachte, Monsieur Baguette sei passend. Was meinen Sie?

So sitze ich also hier, schreibe diese Zeilen und bin gespannt, was nächste Woche bei Kunden passieren wird. Spannend!

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Consultant Tagebuch 2: Selbstbeschäftigung

Wer wissen will, wie das Leben eines Informatik-Consultants, also eines „Beraters“, aussieht, ist hier richtig.

Hier gehts zum Consultant Tagebuch 1: das verpatzte Interview

Seit dem verpatzten Java Interview hat sich einiges getan. Ich habe das gesamte Wochenende Java Basics gebüffelt – Quasi back to the roots.

Also nein wirklich, das kann mein Stolz nicht auf sich beruhen lassen, dass ich mich als Java Entwickler betitle, aber nicht weiss, wieviele Collections intern erstellt bei einem Stream erstellt werden, wenn man 5 Verarbeitungsschritte macht (Antwort: Pro Schritt wird eine neue Collection erstellt). Oder warum HashSet’s so enorm viel schneller sind als ArrayLists (Antwort: Weil man bei HashSet zuerst das Objekt mittels Methode hashCode() aus Object hasht und erst dann quasi in er richtigen von unzähligen Schubladen mittels equals() nachschaut, welches Objekt man sucht. Das ist auch der Grund, warum hashCode() und equals() so eng verknüpft sind… Puh!).

Was ich mich aber auch gefragt habe ist folgendes: Was wäre, wenn diese eine Person, der Java Enthusiast, der einige Mensch auf Erden ist, der mir jemals in meinem ganzen Leben diese Java fragen stellen wird? Müsste ich dann jetzt die Antworten auf diese Fragen tatsächlich lernen?

Wie auch immer, jetzt habe ich diese Themen in meinem Gehirn wieder aufgefrischt, fühle mich besser, und könnte im Notfall immer noch ein Selbstversuch starten, ob Frauen im Ausgang heiss werden, wenn man ihnen in langen Erläuterungen den Unterschied zwischen ArrayList und LinkedList erklärt (Spoiler: Ja, sie werden heiss!!!).

Rein ins kalte Nass!

Das alles ist jetzt schon gar nicht mehr wichtig. (Sehr ihr? So schnell wechseln in meinem Leben die Themen, und da soll ich mir all die Dinge noch merken können…)

Momentan helfe ich meinem neu gefundenen Arbeitskollegen an einer Offerte – Nennen wir ihn König Arthur. Dabei geht es um ein ziemlich grosses Projekt, nennen wir es Projekt Hasenstall. Ja, ich weiss, in meinem letzten Tagebucheintrag habe ich geschrieben, dass ich ein Projekt suche. Dabei hatte ich aber immer Projekt Hasenstall als „Backup Projekt„.

Aber vielleicht beginne ich von Anfang an. Als ich bei meiner neuen Firma angefangen habe, war ich zuerst einmal zwei Wochen auf der Ersatzbank, da Projekt Hasenstall noch nicht bereit war für meine unerschöpfliche Weisheit. Dann endlich habe ich von König Arthur die Nachricht erhalten, dass ich ins Büro kommen kann, um am Projekt mitzuhelfen.

Und schon wurde ich mitten ins kalte Wasser geschmissen!

Auf der Ersatzbank hatte ich es gemütlich – Ich war zuhause und habe mir Tutorials über Blockchain reingezogen. Und plötzlich sass ich in einem Meeting nach dem anderen mit unglaublich vielen Leuten die mit sehr vielen Fachausdrücken um sich warfen!

Und dabei hat meine neue Firma eine ganz eigene Meeting-Kultur (dazu mal in einem späteren Tagebucheintrag mehr). Immerhin habe ich gut ausgeschaut in meinem hübschen Anzug, den ich mir für die neue Stelle extra gekauft hatte.

Bei meinem dritten Meeting waren bereits etwa 20 Kollegen dabei von allen möglichen Disziplinen (Strategie-Menschen, Architekten, Projektleiter etc.). König Arthur sass neben mir, und so haben wir zwei Stunden damit verbracht, herauszufinden, was die werten Kollegen so diskutieren. Für König Arthur ist das alles auch noch relativ neu, er ist wie ich ein Java Entwickler, der sich jetzt in der neuen Rolle als Enterprise Architekt wiederfindet.

Wir haben alles versucht, um der Lage Herr zu werden, aber ich sage Ihnen eines, geehrter Leser. Wenn Sie es nicht kennen, können Sie es sich nicht vorstellen, wieviele Fremdwörter in solch kurzer Zeit hören kann!

Erschwerend dazu kommt, dass meistens mehrere der anwesenden Personen gleichzeitig geredet haben. Und die Person neben mir hat ständig zu allem Fragen gestellt. Der Oberarchitekt hat dann auf einem Flip-Chart die Zielarchitektur der gewünschten Software Lösung skizziert und beschriftet, aber leider konnte ich seine Schrift nicht entziffern, was die Sache nicht gerade einfacher machte. So habe ich verzweifelt versucht, die wichtigsten Aussagen in einem Protokoll zu sammeln, während wir gleichzeitig eine Audioaufnahme des Geschehens machten, welche König Arthur nach dem Meeting nochmals durchhört hat.

Natürlich war das gesamte Meeting auf Englisch, und die geschätzten Kollegen, welche Englisch als Muttersprache sprechen, sind dabei besonders schwer zu verstehen, da sie meistens sehr schnell sprechen. Eine echte Herausforderung!

Vielleicht kann ich Ihnen folgendermassen klar machen, wie chaotisch das ganze Meeting war: Bei meiner Anstellung in die Firma hatte ich ein zweistündiges Telefoninterview über Software Architektur mit einem mir damals unbekannten Kollegen namens Deryck Whibley. Vor diesem Riesenmeeting habe ich in der Teilnehmerliste gesehen, dass Deryck auch an dem Meeting teilnehmen wird – also habe ich mich schon gefreut, ihn kennenzulernen. Leider habe ich ihn während des Meetings nicht gesehen (gut wie gesagt, 98% aller Leute kannte ich noch nicht). Deshalb ging ich zum Oberarchitekten und sagte ihm „Schade, dass Deryck nicht gekommen ist, ich hätte ihm gerne die Hand geschüttelt!“

Und was war die Antwort vom Oberarchitekten? „Deryck war die erste Hälfte des Meetings hier! Er sass gleich neben mir!“

Wie sich also herausstellte, sass Deryck, den ich so gerne mal gesehen hätte, nur zwei Meter von mir entfernt und ist dann aber in der Hälfte des Meetings aufgestanden und gegangen (völlig normal in meiner Firma). Zuerst hat es bei mir nicht geklickt, aber plötzlich erinnerte ich mich: Da war so ein Mann, der den anderen ständig Fragen gestellt hat… Das war Deryck!!! Oje… Anhang des Profilbildes im System habe ich ihn mir ganz anders vorgestellt…

So ging es dann die nächsten Tage weiter: Meeting über Meeting mit immer wieder wechselnden Teilnehmern. Was ich aber zugeben muss: Ich habe in diesen wenigen Tagen unglaublich viel gelernt – Zum einen über Unternehmensarchitektur, zum andern auch über das ganze Thema Finanzen. Und während man zu Beginn glaubt, ein Meeting erinnert an einen Stall voller aufgescheuchter Hühner, erkennt man nach einigen Meetings bereits, dass durchaus eine Ordnung dahinter zu finden ist…. (oder auch nicht…?)

Aber eigentlich wollte ich nicht über Meetings schreiben, sondern über Offerten.

Wie funktioniert eine Offerte in einem kleinem Unternehmen?

Die letzten zwei Jahre, die ich in einem kleinen Unternehmen gearbeitet hatte, gab es auch ab und an eine Offerte zu bearbeiten. Das funktioniert jeweils so: Irgendeine Firma, nehmen wir zum Beispiel die Deutsche Bahn, hat irgendeine gute Idee, die sie gerne umsetzen möchte. Sie möchte zum Beispiel durch Gesichtserkennung im Handy den Gemütszustand des Kunden mittels Machine Learning herausfinden. Macht der Kunde einen zufriedenen Eindruck, schlägt die Deutsche Bahn-App eher Züge vor, die wahrscheinlich überfüllt sein werden. Falls der Kunde einen Lätsch 😡 macht, schickt man ihn eher auf einen leeren Zug in den Randzeiten. Und sieht der Kunde hungrig aus, schickt man ihn in den Speisewagen. Dort wäre dann auch König Arthur ständig anzutreffen 🙂

Die Deutsche Bahn sammelt also alle Anforderungen zu dieser neuen Funktion möglichst genau in einem Dokument und veröffentlicht dieses.

Nun können beliebige Firmen die Offerte nehmen, studieren, und dazu einen Lösungsvorschlag abgeben, natürlich mit einem Vorschlag, wie viel Aufwand Lösung braucht und wieviel die Deutsche Bahn dafür zahlen muss. Die Deutsche Bahn sammelt dann alle Vorschläge der Firmen und entscheidet sich anschliessend nicht für heimische deutsche Entwickler sondern für die um einige hundert Euros günstigeren Konkurrenten aus Polen. 😉

Wie auch immer, wichtig bei dieser ganzen Offertensache ist: Der Aufwand für den Lösungsvorschlag wird dabei nicht bezahlt! Erst wenn die Deutsche Bahn sich für eine Firma entscheidet hat, bekommt diese Firma Geld und alle anderen Teilnehmer gehen leer aus.

Hatte in der kleinen Firma also ein Mitarbeiter ein bis zwei Wochen Zeit, bekam er die Möglichkeit, eine möglichst gute Lösung auf das Problem der offerierenden Firma zu finden und diese zu beschreiben.

Wie aber sieht das bei einem grösseren Projekt aus?

Eine Offerte in einem grossen Unternehmen

Grundsätzlich funktioniert eine Offerte genau gleich. Gut, Blogeintrag fertig, bis zum nächsten Mal! ❤

Nein, eine Offerte funktioniert zwar prinzipiell gleich, aber in völlig anderen Dimensionen, welche erst einmal beherrscht werden müssen. Nehmen wir an, die Deutsche Bahn will keine App erstellen, sondern ihre gesamte IT-Infrastruktur erneuern, quasi Deutsche Bahn 2. Die alte IT-Infrastruktur soll nicht weiter verwendet werden, stattdessen baut man alles neu, mit dem neuesten Technologiestack (Ein Stack zeigt auf, welche Technologien für ein Informatikproblem beziehungsweise deren Lösung verwendet werden. Welches Betriebssystem, welche Programme etc.).

Ja, da wird es natürlich interessant. Können Sie sich vorstellen, wieviel eine Deutsche Bahn 2 kostet? Nein? Ich auch nicht!

Nein, das benötigt zuerst einmal jede Menge Strategieleute, die sich mit dem Geschäftsfall oder Business Case auseinandersetzen.

Und was ist mit den Geschäftsprozessen? Die werden ja wahrscheinlich auch ändern, oder? Dann benötigt es Spezialisten, welche die heutigen Prozesse analysieren und die neue Lösung, die sogenannte Business Architektur konzipieren können.

Und irgendwo muss das neue System ja auch laufen, richtig? Wieviele Server muss man kaufen, damit die neue Software darauf laufen kann? Oder lässt man alles in der Cloud laufen? Aber in welcher Cloud? Und was sind das überhaupt Programme? Wir benötigen eine Technologie Architektur! (Und die sollte sich möglichst nicht zu weit von der Business Architektur entfernen – Leichter gesagt als getan!)

König Arthur’s Schlachtzug ins ungewisse Land

Und genau in dieser schönen Situation befinden König Arthur und ich uns jetzt. Bereits an meinem zweiten Arbeitstag im Büro habe ich nämlich erfahren, dass ich mit König Arthur zusammen die Technologie Architektur für dieses grosse Projekt konzipieren darf.

Das wirklich wirklich schöne ist, dass man in so einem riesigen Unternehmen niemals alleine ist. Und die Mitarbeiter sind wirklich enorm hilfsbereit und auch motiviert, dieses Projekt über die Bühne zu bringen!

Und was man machen muss, das wird uns auch schnell erklärt: Man braucht eine Übersicht über die heutige IT-Infrastruktur. Nicht im Detail, sondern aus grosser Höhe, ein Big Picture von den heutigen Prozessen, welche Applikationen dahinter stehen und wie diese miteinander Arbeiten. Zusätzlich muss man herausfinden, welche Daten die Deutsche Bahn wo gespeichert hat und welche man davon wiederverwenden oder migrieren kann (Stichwort: Make or Buy von Software).

Das Problem, ähm ich meine die Herausforderung ist aber: König Arthur und ich haben keinen Zugriff auf die Deutsche Bahn! Wir haben zwar bereits eine Handvoll Mitarbeiter welche dort stationiert sind, der Grossteil des Projekts befindet sich aber noch in den heimischen Büros und hat keine Möglichkeit, entweder mit den Deutsche Bahn-Mitarbeitern zu sprechen oder deren Dokumente zu inspizieren. Klingt spassig? Ist es auch!

Es ist quasi ein wenig wie das Huhn-Ei Problem: Wir möchten gerne zu der Deutschen Bahn, um deren Prozesse zu studieren, damit wir ihnen eine möglichst gute Lösung für ihr Problem anbieten können. Gleichzeitig sind wir aber in der Offertenphase und die Deutsche Bahn hat noch keinen Vertrag unterschrieben, was uns daran hindert, zu ihnen zu gehen und das aktuelle System zu studieren.

Selbstbeschäftigung

Eine unmögliche Aufgabe? Nein, tatsächlich können wir uns sehr gut selber beschäftigen, indem wir alle Artefakte soweit vorbereiten, wie wir es können. Ich denke aber, das sollte ich auch in einem eigenen Tagebucheintrag beschreiben, was es heisst, eine Technologie Architektur zu konzipieren.

Sehen Sie, dieser Blogeintrag ist ist typisch für ein Projekt dieser Grössenordnung. Ich wollte gar nicht soviel über Offerten oder Meetings schreiben! Da denkt man, man schreibt kurz, wie man in einem Projekt am effektivsten voranschreitet, merkt aber dann, dass man noch zuerst A und B und C braucht, bevor man sich mit seinem D selbst beschäftigen kann.

Nichtsdestotrotz muss man aber immer optimistisch bleiben und dran glauben, dass am Ende des Regenbogens ein Topf voll Gold steht, auch wenn anfangs das Gefühl hat, die aufgescheuten Hühner werden den Weg dorthin niemals finden. Ich persönlich bin sehr gespannt, wie sich das Projekt weiterentwickeln wird.

Und wenn Sie jemand fragt, woher Sie wissen, dass die Deutsche Bahn ihre IT-Infrastruktur erneuern will und dass das Projekt firmenintern Projekt Hasenstall genannt wird – Das haben Sie nicht von mir!

(PS bezüglich Huhn-Ei-Problem: Das Ei war zuerst da, ist ja logisch! )

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