Consultant Tagebuch 1: Das verpatzte Interview

Wer wissen will, wie das Leben eines Informatik-Consultants, also eines „Beraters“, aussieht, ist hier richtig.

Im Februar 2019 habe ich meinen neuen Job als IT-Consultant angetreten.

Bisher war ich immer als interner Mitarbeiter angestellt gewesen. Heisst: Ich hatte einen Arbeitgeber und dort war ich in einem Team stationiert und blieb dann jeweils auch über mehrere Jahre am gleichen Ort.

Als Consultant ändert sich das nun folgendermassen: Ich bin ebenfalls bei einer Firma angestellt, arbeite aber bei anderen Firmen als externer Mitarbeiter. Diese Firmen sind also unsere Kunden, und sorgen mit ihren Zahlungen für die Leute für das Einkommen meiner Firma. Ich werde diese Firmen darum ab sofort auch immer als Kunden bezeichnen. Das Kredo heisst also, dass man grundsätzlich immer beim Kunden sein wird, da man sonst quasi ein Kostenfaktor für die eigene Firma ist.

Obwohl ich noch nicht lange dabei bin, habe ich in meiner Firma bereits sehr viele nette Leute kennengelernt. Und das ist auch genau die Kernkompetenz meiner Firma. Wenn Kunden entweder etwas risikoreiches bauen wollen oder einfach sonst nicht genügend Leute haben, können sie zu meiner Firma gehen und diese sagt dann Nicht genügend Projektleiter? Hier, nimm eine Handvoll! oder „Du brauchst Business Analysten? Keine Sorge, ich hole zwei Mitarbeiter aus Zürich, drei aus Deutschland und einen aus Basel, sie werden für Dich ein Jahr lang arbeiten.“

Echt faszinierend, nicht? Man arbeitet also immer projektbasiert für eine vordefinierte Zeit, das Projekt kann aber grundsätzlich auch jederzeit entweder verlänger oder abgebrochen werden. Und die IT-Projekte beziehungsweise die Themen sind topmodern, da findet man alles von Blockchain über Cloud über Big Data über Künstliche Intelligenz. Das hat für mich auch den Reiz ausgemacht, überhaupt die Stelle anzutreten. Diese Abwechslung oder die Spannung, welches Projekt als nächstes ansteht.

Natürlich kann man selbst nicht immer auswählen, welches Projekt man gerne hätte. Grundsätzlich wird natürlich so smart wie möglich eine Übereinstimmung von Mitarbeiterfähigkeiten und nachgefragten Fähigkeiten gemacht. Wenn ich also die letzten 6 Jahre Java programmiert habe, macht es wohl durchaus Sinn, dass ich bei einem Kunden lande, der einen Java Programmierer benötigt.

Immer natürlich vorausgesetzt, dass ich gerade frei und nicht schon vergeben bin. Denn etwas, was mir jetzt schon aufgefallen ist, ist der Mangel an Programmierern. Man liest es ja immer wieder mal im Internet, und ich fühle das tatsächlich: Programmierer sind zur Zeit echte Mangelware!

Jetzt ist es nicht so, dass meine Firma nur Programmierer einstellt, eher im Gegenteil: Sehr viele Mitarbeiter bewegen sich im Consultantbereich auf der Businessseite statt auf der… hmm nein, technische Seite kann ich nicht sagen, es geht ja schon immer um die Digitalisierung. Zum Beispiel gehen die Strategie-Berater zu Kunden um mit ihnen eine Strategie zu entwickeln, wie sie ihr unternehmen im heutigen digitalen Zeitalter vorwärts bringen.

Ich will einfach deutlich machen: Es existieren Unmengen von anderer Disziplinen als nur der Softwareentwickler. Hier eine kleine Auswahl: Projektleiter, Business Analyst, Testing, Business Process Engineering, Portfolio Management, Controlling, Architekt, Release Train Engineer beziehungsweise Agile Spezialist/Agilist/Scrum Master, Security Manager… ihr seht worauf ich hinauswill.

Wer also immer noch nicht weiss, was er mal werden will, der könnte an dieser Stelle anfangen zu denken „Hmm…. vielleicht probier ich doch nochmal dieses Java Hello World aus, das vor fünf Jahren nicht geklappt hat…

Was ist jetzt mit dem Interview?

Okay okay, genug geschwatzt. Kommen wir zum Thema. Wie geschrieben, ist man also grundsätzlich bei einer Firma angestellt und arbeitet aber ebenso grundsätzlich bei Kunden. Ich bin momentan dabei, mein erstes Projekt zu finden – beziehungsweise die Leute/Projekte finden mich, da es effektiv zu wenige Programmierer gibt.

So wurde ich also zu einem Kundeninterview eingeladen.

Nur mal so zum Thema Kundeninterview: Das war für mich als interner ebenfalls neu. Ich meine, ich hatte ja bereits ein Anstellungsgespräch bei meiner Firma und diese Firma weiss von meinem Lebenslauf, was ich kann. Dennoch wollen Kunden jeweils noch ein Interview mit dir. Das kann wohl verschiedene Gründe haben (Also ich spekuliere nur, ich weiss die echten Gründe nicht): Zuerst mal schaust du als Kunde, ob der dir geschickte Mitarbeiter tatsächlich dem entspricht, was auf dem Lebenslauf steht. Dazu kommen aber noch unzählige andere Faktoren: Wie verhält sich das Gegenüber? Gibt er mir die Hand? Verstehen wir uns auf menschlicher Ebene? Verspricht er mir das blaue vom Himmel, kann aber dann keines der Versprechen halten? Und so weiter, ich denke, ihr versteht, was ich meine. Es muss halt passen, immerhin möchte man die folgenden Monate eng miteinander zusammenarbeiten (und bezahlt auch eine Menge dafür).

Das Interview kann auch nur per Telefon stattfinden. Da wird der Punkt mit dem Händeschütteln natürlich ein wenig schwierig zu prüfen, aber immerhin die Ausdrucksweise oder ob man des Englischen tatsächlich mächtig ist wird dabei schnell klar. In diesem Fall war ich aber vor Ort und durfte meinem Schicksal in die Augen sehen.

Natürlich muss man an dieser Stelle sagen, dass Programmierer nicht immer die redseligsten Menschen sind. Oder halt, ich muss es noch anders ausdrücken: Menschen sind nun einmal unglaublich divers. Jede Person ist einzigartig, auch wenn man oftmals meint, man gehe in der Masse von Menschen unter. Aber ja, Programmierer im Speziellen sind nicht immer die typischen Plaudertaschen, obwohl sich dieses Bild in den letzten Jahren auch gewandelt hat. Und ich denke, nach einigen Jahren in meiner Firma werde ich das auch gut im Griff haben, denn sagen wir mal… nun… ähm, ich kann nicht behaupten, dass in meiner Firma wenig geredet wird… 😉

Vorbereitung für die Katz

Wie auch immer, ich wollte mich also vorbereiten auf das Interview und wurde von mehreren Kollegen, die bei diesem Kunden schon einmal waren, mit Ratschlägen beschenkt. Der Tenor war: Der Kunde stellt viele SQL- oder Daten-relevante Fragen, also bereite dich darauf vor. Also habe ich meine SQL Fähigkeiten aufgefrischt, den INNER und OUTER JOIN nochmals studiert, das Entity-Relationship-Model angeschaut, Venn-Diagramme repetiert und so weiter.

Ja verdammt, nichts davon ist am Interview gekommen.

Ja gut, im Nachhinein ist man immer schlauer. Ich meine, immerhin wurde ich als Java Entwickler an das Interview geschickt (aber das wurde nicht gross propagiert oder so), weshalb ich dachte, vielleicht ist dem Kunden einfach wichtig, dass die Mitarbeiter wissen, wie man mit Daten umgeht.

Universitätsfragen par excellence

Da ging ich also in den Meetingraum mit dem Interviewer des Kunden, oder nennen wir ihn mal liebevoll Java Enthusiast. Und kaum haben wir 5 Minuten über meinen Werdegang gesprochen, ging es los.

Hier eine kleine Auswahl der gestellten Fragen:

  • Was sind die Neuerungen von Java 8?
  • Was sind Lambdas?
  • Wie funktionieren Lambdas intern?
  • Was sind Streams?
  • Wie funktionieren Streams intern?
  • Wenn man einen Stream mit x Operationen hat, wieviele Collections werden dann intern erstellt?
  • Welche drei Collectiontypen gibt es in Java?
  • Wie funktionieren sie intern?
  • Was ist die Big-O-Notation dieser Collections?

Man hat gemerkt, dass der liebe Java Enthusiast ein Mann des Faches war und die Details dieser Sprache liebte. Ich denke, er ist sehr auf Performanz getrimmt und hat sich schon lange Zeit mit diesem Thema beschäftigt: Welche Liste ist schneller für welchen Anwendungsfall? Wie funktionieren die Java Methoden intern?

Ich gebe zu, das klingt alles nach Fragen, deren Antworten ein Java Programmierer kennen sollte.

Aber stellen wir uns mal kurz vor, dass der zu Interviewende nicht die letzten fünf Jahre damit verbracht hat, jede existierende Java Methode zu überprüfen, wie sie intern funktioniert. Stellen wir uns vor, dieser Mensch hat die letzten vier Jahre im Informatikstudium verbracht und sich jedes Semester mit 6 verschiedenen Fächern rumgeschlagen, als Abschlussarbeit Machine Learning mit Python gelernt hat, dazu noch 70% gearbeitet, und in dieser Zeit noch zwei Kinder gezeugt. Und dann stellen wir uns vor, dass dieser Person die letzten drei Wochen Blockchain und Kotlin angeschaut hat, statt sich zu fragen, wie viele Collections innerhalt eines Streams erzeugt werden. Und dann stellen wir und zum Schluss noch vor, dass diese Person die erste Woche im neuen Job ist und bereits mehrmals mehr als 9 Stunden im Büro an irgendwelchen Meetings war – Und sich für das Interview mit SQL vorbereitet hat.

Ja, das scheint keine optimale Kombination zu sein, um diese Fragen zu beantworten, richtig? Genauso ist es dann auch herausgekommen. Wobei ich sagen muss, dass ich viele Dinge, die der Java Enthusiast mich gefragt hat, theoretisch gewusst hätte beziehungsweise schon einmal wusste.

Big-O-Notation hatten wir zum Beispiel im IT-Studium, aber denken Sie, das ist mir dann spontan eingefallen? Oder was mir ein wenig schwer gefallen ist: Als kleine Übung musste ich an der Tafel eine Methode programmieren, welche sagt, ob eine Zahl eine Primzahl ist oder nicht (habe ich zuerst noch falsch verstanden, das Interview war auf Englisch). Was haben wir doch damals, vor vier Jahren, im Studium unzählige Male von hinten und nach vorne studiert, wie eine Primzahl genau ist, wie man herausfindet, ob eine Zahl prim ist, welche Algorithmen existieren etc!

Ja, auf jeden Fall habe ich mich am Ende des Interviews hundsmiserabel gefühlt. Was war Java nochmals? Eine Insel? Nein, es gibt doch auch eine Programmiersprache namens Java, nicht?

Nicht unterkriegen lassen trotz Ego am Boden

Ich fühle mich tatsächlich schlecht, weil ich die Antworten auf seine Fragen eigentlich wusste, sie aber nicht wiedergeben konnte oder sie einfach nicht aktiv in meinem Gehirn-Memory waren. Ich bin sehr gewissenhaft, darum werde ich die Antworten auf seine Fragen zu Hause nochmals genau studieren (das muss ich jetzt schreiben).

Aber es ist genau wie im Studium: Schlussendlich gibt es ein riesiges Spektrum von Fragen, welche das Gegenüber stellen könnte, und man kann studenlang genau das Thema lernen, nur um am Ende festzustellen, dass der Dozent genau die Frage stellt, bei denen man dachte „Ach nö, das kommt garantiert nicht!“

Ein Punkt, den man einfach auch an der heutigen unglaublich riesigen IT-Landschaft muss: Es ist einfach nicht mehr so wie früher, wo man eine Programmiersprache lernen konnte, und dann hatte man für Jahre ausgesorgt. Zum einen gibt es in Java selber unglaublich viele Veränderungen wie etwa Spring 5, Spring Boot 2, Jakarte EE und so weiter.

Zum anderen gibt es einfach auch tausend (sehr interessante) Themen sonst in der Informatik: Jegliche andere Programmiersprache, Docker/Kubernetes/Container, Cloud Computing, Blockchain, Künstliche Intelligenz, JavaScript welches auch eine eigene Welt in sich ist, dann noch dies und das und jenes. Wirklich extrem, wie sich Informatik entwickelt hat.

Aufgepasst! Schwerere Interviews in anderen Ländern

Der Java Enthusiast, der mir die Fragen stellte, war ein Engländer. Ich habe ihm während des Interviews klar gesagt, dass ich viele Dinge nicht wüsste und dass mich auch noch niemand solch technische Fragen über Java gestellt hat. Ich habe ihm ganz konkret gesagt: Das war das schwerste Interview überhaupt! (Und die Tatsache, dass ich in meiner neuen Firma einen Anzug trage, hat auch nicht zum Erfolg geführt, verdammt!)

Der Java Enthusiast hat mir dann auch klar gesagt, dass er in vielen Ländern an Interviews war und dort solche Fragen eher der Standard als die Ausnahme sind (man nennt diese technischen Fragen auch Google Style Fragen, da Google berühmt ist für schwere Fragen/Interviews). Es wird erwartet, das ein Java Entwickler sich tief und lange mit der Sprache auseinandergesetzt hat und die Internas kennt – Was ich bis zu einem gewissen Grad auch gut finde.

Dann wiederum denke ich auch, dass ich aus lerntechnischer Sicht nicht jede Java Methode auswendig aufsagen kann, besonders da ich mich von den Themen, an denen ich arbeiten kann, eher breit aufstelle als tief, und er aber offensichtlich einen wirklich tiefen Java Taucher gesucht hat.

Der Java Enthusiast hat dann auch gemeint, er wäre sehr erstaunt gewesen, als er in der Schweiz an ein Interview ging und keine einzige dieser Fragen gestellt bekam. Da müssen wir Entwickler aufpassen, dass wir von unseren ausländischen Kollegen nicht abgehängt werden! (Jeder weiss für sich selber, ob er sich angesprochen fühlen sollte)

Auf jeden Fall habe ich mich nach dem Interview echt schlecht gefühlt. Darum habe ich auch, sobald ich das Interview verlassen hatte, bis zum Einschlafen vor mich hingesagt: „Du bist ein guter Java Entwickler! Du bist ein guter Java Entwickler! Du bist ein guter Java Entwickler!…

Nein, Scherz 🙂

Alles in Ordnung

Ich kann Java programmieren und ich musste bis jetzt auch in keinem Interview solche Fragen beantworten. Ich bin aber auch so interessiert und offen, dass ich die Antworten nachlesen und mich beim nächsten Mal besser vorbereiten werden. Aber ja, im Nachhinein ist man halt wirklich immer schlauer! Plus muss ich auch anmerken, dass man, wenn man als Java Entwickler arbeitet und im Flow ist, solche Fragen/Antworten ohne Probleme innerhalb weniger Minute googled oder auf Stackoverflow liest. Ich habe in meinem Job als Java Entwickler schon tausende „Abklärungen“ gemacht, wie etwas genau funktioniert, aber mittlerweile alles wieder vergessen (ja ich weiss, Sie sind jetzt empört).

Ich könnte natürlich auch einfach die Schuld auf meine Kinder schieben. Ja nein, die sind echt nervig, nein, ich wollte eigentlich jeden Abend der letzten zwei Jahre eine Java Methode inwendig studieren, aber wegen dieser Blagen kommt man ja zu gar nichts mehr!

Nein, ich mache nur Scherze 😉

Ja das war meine erste Erfahrung mit einem Kundeninterview als Consultant. Werde ich jemals einen Kunden finden, der waghalsig genug ist, mich in ein Projekt zu lassen? Seien Sie dabei wenn es wieder heisst: Marcel, der fröhliche Consultant, sucht ein Projekt!

Hier geht es zum Consultant Tagebuch 2: Selbstbeschäftigung

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Ein Gedanke zu „Consultant Tagebuch 1: Das verpatzte Interview

  1. thepixiewithin

    Hahaha, ich habe tatsächlich ordentlich schmunzeln müssen über diesen Artikel. Als Partnerin eines durchgeknallten Full-Stack-Entwicklers habe ich schon die ein oder andere Schimpf-Tirade huldvoll nickend ertragen und mit einem gelegentlichen „Ja, ich weiß“ und „Ist nicht deren Ernst“ kommentiert. Daher konnte ich deinen mir gerade zufällig angezeigten Artikel so absolut nachvollziehen!

    Ich drücke dir die Daumen, dass das mit dem Projekt bald klappt und es für dich der richtige Weg ist.

    Cheers,
    Auri

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